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Was ältere Menschen essen sollten

Ernährung und Gebrechlichkeit

Um dem Teufelskreis aus Mangelernährung, Muskelabbau und Gebrechlichkeit zu entrinnen, ist es wichtig, dass ältere Menschen vernünftig essen. Dabei sollte nicht nur für eine ausreichende Energiezufuhr gesorgt sein. Wichtig ist auch, dass die richtigen Lebensmittel auf den Tisch kommen: eine vielseitige und abwechslungsreiche Ernährung kann zum Erhalt von Gesundheit und Leistungsfähigkeit beitragen.

Bei der Entstehung von Gebrechlichkeit wird der Ernährung eine wichtige Rolle zugesprochen. Im Folgenden wird dargestellt, was belegt ist, welche Nährstoffe eine Rolle spielen und welche Empfehlungen gegeben werden können:

Gebrechlichkeit und die Folgen

Zu den Kennzeichen der Gebrechlichkeit gehören unbeabsichtigter Gewichtsverlust, Schwäche, rasche Ermüdbarkeit, verminderte körperliche Aktivität und eine verlangsamte Gehgeschwindigkeit. Das Vorhandensein von mindestens drei dieser fünf Kriterien wird als Gebrechlichkeit definiert.

Gebrechlichkeit geht mit erhöhtem Risiko für Behinderungen und Begleiterkrankungen einher, beeinträchtigt den Verlauf chronischer Krankheiten wie z. B. Koronare Herzerkrankung, Schlaganfall, Demenz oder Morbus Parkinson, und ist mit verantwortlich für Stürze, Klinikeinweisungen und die Sterblichkeitsrate. Für die Betroffenen ist Gebrechlichkeit folglich mit Einbußen der Selbstständigkeit und Lebensqualität verbunden. Soziale Hilfsdienste oder ein Umzug in ein Heim können nötig werden, der Bedarf an ambulanten oder stationären Behandlungen ist erhöht, so dass Gebrechlichkeit insgesamt von erheblicher klinischer aber auch gesundheitsökonomischer Wichtigkeit ist.

Häufigkeit von Mangelernährung im Alter

Ältere Menschen haben aufgrund zahlreicher Altersveränderungen ein erhöhtes Risiko für eine ungenügende Nahrungsaufnahme und Gewichtsverlust. Körperliche Behinderungen, Kau- oder Schluckbeschwerden, geistiger Abbau, Einsamkeit, Depressionen oder auch finanzielle Beschränkungen können dazu führen, dass nur wenig oder einseitig gegessen wird. Auch akute und chronische Krankheiten, entzündliche Prozesse, Schmerzen und die Einnahme von sehr vielen Medikamenten beeinträchtigen die Ernährung und verursachen Gewichtsverluste und Mangelernährung.

Mit schlechter werdendem Gesundheitszustand und zunehmender Hilfs- und Pflegebedürftigkeit nehmen auch Ernährungsprobleme zu.

Während gesunde Senioren vergleichsweise selten mangelernährt sind, ist in geriatrischen Akut- und Reha-Abteilungen jeder Zweite bis Dritte betroffen. Generell ist bei älteren Menschen aufgrund der sich ändernden Lebens- und Gesundheitssituation das Risiko für Ernährungsprobleme erhöht.

Mangelernährung und Gebrechlichkeit – ein Teufelskreis

Eine Gewichtsabnahme, egal ob beabsichtigt oder nicht, unabhängig vom Ausgangsgewicht und selbst wenn sie teilweise wieder aufgeholt wird, wie z. B. nach einer akuten Krankheitsphase, führt zu einem absoluten Verlust an Muskelmasse und geht mit Einbußen der Muskelkraft einher. Gewichtsverlust ist somit eine zentrale Ursache im Kreislauf der Gebrechlichkeit.

Umgekehrt kann Gebrechlichkeit auch die Ernährung beeinträchtigen. Bei eingeschränkter körperlicher Leistungsfähigkeit wird der notwendige Lebensmitteleinkauf schnell zum Problem, längere Zeit am Herd zu stehen wird mühsam und anstrengend. Die Fähigkeit, selbstständig adäquate Mahlzeiten zuzubereiten, kann eingeschränkt und der Appetit durch fehlende körperliche Aktivität verringert sein. So entsteht ein Teufelskreis, in dem sich Mangelernährung und Gebrechlichkeit gegenseitig verstärken.

Nährstoffe, die nicht fehlen dürfen

Neben der richtigen Nahrungsmenge spielt auch ihre Zusammensetzung eine Rolle. So wurde in einer der ersten großen Studien zur Gebrechlichkeit, der In-CHIANTI-Studie, in Norditalien bei mehr als 800 über 65-Jährigen festgestellt, dass neben der Aufnahme an Energie auch die Aufnahme verschiedener Nährstoffe – Eiweiß, Vitamin D, E, C und Folat – sowie eine geringe Zufuhr von drei oder mehr Nährstoffen erheblich mit Gebrechlichkeit in Verbindung gebracht wurde. In der gleichen Studie wurde beobachtet, dass eine mediterran orientierte Ernährungsweise nach neun Jahren mit einer geringeren Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit einherging.

Proteine

Unter den Nährstoffen nehmen Eiweiße im Hinblick auf Gebrechlichkeit eine Sonderstellung ein, da die Skelettmuskulatur hauptsächlich aus Eiweiß (Proteinen) besteht und der Muskelstoffwechsel durch Nahrungseiweiß stimuliert werden kann, bzw. umgekehrt bei Proteinmangel reduziert ist. Unzureichende Proteinmengen in der Nahrung führen längerfristig zur Abnahme der fettfreien Körpermasse, insbesondere der Muskelmasse und folglich auch der Muskelkraft.

Antioxidanzien

Als weiterer möglicher Mechanismus bei der Entstehung von Gebrechlichkeit wird eine Schädigung des Muskelgewebes durch „oxidativen Stress“ und entzündliche Prozesse diskutiert. Sowohl für die Zufuhr als auch für den Nachweis von antioxidativ wirksamen Nährstoffen im Blut, wie Karotinoiden, Vitamin E, Vitamin C und Selen sind Zusammenhänge mit Muskelkraft, körperlichem Leistungsvermögen bzw. Gebrechlichkeit bekannt.

Langfristig wurde bei älteren Menschen mit zu niedrigem Antioxidanziengehalt im Blut eine Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit und ein erhöhtes Risiko, im weiteren Verlauf gebrechlich zu werden, beobachtet.

Omega-3-Fettsäuren

Auch für Omega-3-Fettsäuren, die für ihre entzündungshemmenden Eigenschaften bekannt sind, werden Zusammenhänge mit der körperlichen Leistungsfähigkeit beschrieben.

Ernährungsempfehlungen

Die Sicherung einer bedarfsgerechten Ernährung ist neben körperlicher Aktivität derzeit der wichtigste Ansatz zur Prävention und Therapie von Gebrechlichkeit.

Zentrale Bedeutung hat dabei eine ausreichende Energiemenge, um Gewichtsverluste und die damit einhergehende Abnahme der Muskelmasse zu vermeiden. Dies gilt auch für übergewichtige und sogar adipöse Senioren – vorausgesetzt, es liegen keine medizinischen Gründe vor, die eine Gewichtsreduktion erfordern. Zur Beurteilung der Energiemenge im Einzelfall sind regelmäßige Gewichtskontrollen unerlässlich.

Mindestens genauso wichtig ist die bedarfsgerechte Aufnahme von hochwertigem Eiweiß. Die derzeitigen Empfehlungen für über 65jährige Personen liegen bei 0.8 g hochwertigem Eiweiß pro kg Körpergewicht und Tag. Es wird jedoch vermutet, dass für einen optimalen Erhalt der Muskulatur im Alter etwas größere Mengen benötigt werden. Die tägliche Zufuhr von 0,8 – 1,2 g/kg Körpergewicht erscheint sinnvoll – besonders für Senioren mit Risiko für Mangelernährung wie gebrechliche Personen und Personen mit Mehrfacherkrankungen. Die tierischen Eiweißlieferanten Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte sollten deshalb im Speiseplan nicht fehlen. Daneben tragen auch Hülsenfrüchte Kartoffeln, Soja- und Getreideprodukte wesentlich zu einer bedarfsgerechten Proteinversorgung bei.

Da ältere Menschen größere Mengen wichtiger Eiweiße benötigen, andererseits aber sehr große Eiweißmengen bei einer einzigen Mahlzeit nicht effektiver sind als normale Portionsgrößen, ist es sinnvoll, die tägliche Eiweißmenge gleichmäßig auf die Hauptmahlzeiten zu verteilen, um bei jeder Mahlzeit ausreichende Mengen wichtiger Eiweiße aufzunehmen.

Weiterhin muss auf eine angepasste Vitamin D-Versorgung geachtet werden. Da nur wenige Lebensmittel wie fetter Seefisch oder Leber nennenswerte Mengen an Vitamin D enthalten, ist die Aufnahme von Vitamin D nur durch Ernährung nicht ausreichend. Bei Personen mit eingeschränktem oder gar fehlendem Zugang zu Sonnenlicht ist eine Einnahme von Vitamin D erforderlich. Die kürzlich aktualisierte Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die tägliche Vitamin D-Zufuhrmenge bei fehlender Sonneneinstrahlung liegt bei mindestens 800 IE/Tag.

Die Zufuhr von antioxidativ wirksamen Nährstoffen wie Vitamin E, Vitamin C, Karotinoiden, Selen und Zink kann durch eine möglichst vielseitige Lebensmittelauswahl mit reichlich Obst und Gemüse, Pflanzenölen und Nüssen, aber auch Fisch, Fleisch, Eiern, Milch- und Vollkornprodukten gewährleistet werden. Daneben können sekundäre Pflanzenstoffe mit antioxidativer Wirkung – ebenfalls in Obst und Gemüse, aber auch in Rotwein, Tee und Kakao enthalten – die Abwehr stärken.

Da auch in den Omega-3-Fettsäuren aufgrund ihrer entzündungshemmenden Wirkung positive Effekte auf die Muskulatur zugesprochen werden, sollten Lebensmittel mit einem hohen Gehalt dieser Fettsäuren wie Pflanzenöle, z. B. Leinöl, Walnuss-, Raps- oder Sojaöl, und fette Seefische, z. B. Hering, Makrele oder Lachs, im Speiseplan nicht fehlen.

Früherkennung der Mangelernährung

Mindestens genauso wichtig wie die Umsetzung der Empfehlungen zur Lebensmittelauswahl ist die frühzeitige Erkennung von Ernährungsproblemen. Ein schlechter Appetit, geringe Essmengen, einseitige Ernährungsweisen und Gewichtsverluste müssen wahrgenommen und ernst genommen werden. Eine Routine-Vorsorge auf Mangelernährung in regelmäßigen Abständen lenkt die Aufmerksamkeit auf diese Warnsignale und ermöglicht eine rasche Einschätzung der Ernährungssituation.

Falls bei der Vorsorge Ernährungsprobleme festgestellt werden, müssen die Ursachen geklärt und so weit wie möglich beseitigt werden. Dies erfordert oft mehr als reine Ernährungsempfehlungen. So kann Unterstützung beim Einkaufen und Kochen oder Gesellschaft beim Essen nötig sein, eine zahnärztliche Behandlung, Abklärung von Schluckstörungen, wirksame Schmerztherapie oder eine Anpassung der Medikamentenversorgung, um unerwünschte Nebenwirkungen, die die Ernährung beeinträchtigen (z. B. Appetit-, Geschmacks- oder Geruchseinbußen) zu vermeiden.

Da Gebrechlichkeit in den wenigsten Fällen rein ernährungsbedingt ist, müssen Maßnahmen zur Sicherung der Ernährungsversorgung in ein Gesamtkonzept eingepasst sein, das neben einer optimalen Krankheitsbehandlung auch regelmäßige körperliche Aktivität fördert. Quelle: MMW Fortschritte der Medizin, Nr. 10/2012

Autor:

Dr. Bolz
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