Kopfgrafik

Hautnah:
Krank durch Kleider?

"Krebs durch Leggins", "Seidenstrümpfe bringen den Tod", "Kinder-T-Shirt mit Seveso-Gift verseucht", so oder ähnlich könnten Überschriften aus der letzten Zeit zum Thema "Machen Kleider krank?" lauten. Sie sorgen für Aufsehen und verunsichern die Patienten.

Wissenschaftler sind der Meinung, daß es bei den durch Textilien ausgelösten Allergien wahrscheinlich eine große Dunkelziffer gibt. Denn schwere Erkrankungsformen sind selten, und die Betroffenen lösen das Problem meist ganz einfach, indem sie beispielsweise ein juckendes T-Shirt einfach wegwerfen.

Allergische Reaktionen der Haut werden meist im Bereich der Achseln, der Kniekehlen, der Leiste und des Halses sichtbar. An diesen Körperstellen besteht ein enger Kontakt zwischen Haut und Kleidung. Der an diesen Stellen vermehrt vorhandene Schweiß erhöht die Durchlässigkeit der Haut für chemische Substanzen, und er vermag zudem Chemikalien zu lösen, so daß diese dann in die Haut eindringen können.

Die Mehrzahl der kleidungsbedürftigen Allergien wird durch Textilfarbstoffe ausgelöst, von denen die Mehrzahl sogenannte Dispersionsfarbstoffe sind. Diese Farbstoffe werden in erster Linie zum Färben von synthetisch hergestellten Fasern wie Polyester, Polyamid, Polyacryl, Elastan und PVC eingesetzt.

Bevor Stoffe in den Handel kommen, werden sie "veredelt", d. h. mit einer Ausrüstung (waschfest) oder mit einer Appretur (nicht waschfest) versehen. Praktisch bedeutet dies, daß Fasern mit Hilfe von Chemikalien Eigenschaften bekommen, die sie von Natur aus nicht haben. Die Ausrüstungen "bügelfrei und knitterarm" bestehen meist aus formaldehydhaltigen Kunstharzen, aus denen das Formaldehyd freigesetzt werden kann. Sowohl die Kunstharze als auch das reine Formaldehyd können Allergien verursachen.

Dioxine können auf mehreren Wegen in Bekleidungstextilien gelangen. Zum einen werden Textilien oder die Rohstoffe gelegentlich in Holzkisten transportiert, die gegen Schimmelbefall mit PCP behandelt wurden. Dieses PCP kann durch Dioxine verunreinigt sein. Beide Substanzen können während des Transportes in die Textilgewebe eindringen (Gelegentlich werden sogar die Waren selbst mit diesen Mitteln besprüht, bevor sie auf große Fahrt geschickt werden). Der zweite Weg des Dioxins in die Bekleidung kann über dessen Freisetzung aus solchen Färbemitteln erfolgen, die in der Bundesrepublik nicht mehr, wohl aber in Billiglohnländern eingesetzt werden.

Die Zeitschrift Öko-Test hat festgestellt, daß den Chemie- und Bekleidungsherstellern Glauben zu schenken ist, die sagen, daß von dem Problem der Dioxinrückstände in erster Linie "minderwertige Ware aus Billiglohnländern" und da besonders blaue Textilien betroffen sind (Jeans werden davon ausdrücklich ausgenommen). Wenn Sie auf den Erwerb derartiger Textilien verzichten, brauchen Sie sich über Dioxinrückstände in Ihrer Kleidung keine Sorgen zu machen.

Für den Verbraucher ist es beruhigend zu wissen, daß Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in Bekleidungstextilien, die in Deutschland vertrieben werden, kein großes Problem darstellen. Denn während der Veredelungsprozesse werden die Textilien so oft gewaschen, daß dabei die Pestizide herausgewaschen werden. Dieser Umstand kann dazu führen, daß in naturbelassenen Baumwolltextilien, deren Rohstoffe nicht aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) stammen, höhere Rückstände von Pestiziden nachgewiesen werden als in veredelter Ware.

Kratzende, rauhe und scheuernde Textilien bzw. deren Bestandteile können Hautirritationen verursachen. Diese sind zwar sehr unangenehm, haben aber mit allergischen Reaktionen nichts zu tun. Typische Beispiele für derartige Unverträglichkeiten sind das durch ein Etikett ausgelöste Ekzem im Nacken und der kratzende Wollpullover. Die Empfehlungen für diese Fälle sind einfach: verzichten Sie auf den Kauf, wenn ein Kleidungsstück und sich unangenehm anfühlt, oder tragen Sie es nicht auf der nackten Haut. Ein kratzendes Etikett trennen Sie einfach ab.

Einkaufstips und Empfehlungen

Falls Sie gegen Farbstoffe allergisch sind oder Ihre Haut ganz besonders empfindlich ist, sollten Sie möglichst ungefärbte, locker sitzende Naturtextilien ohne chemische Ausrüstung bevorzugen. Besonders gilt dies für hautnah getragene Bekleidung wie z. B. Unterwäsche. Zu erkennen ist die Ausrüstung von Textilien nur indirekt an Hinweisen auf dem Etikett, wie "fußpilzhemmend", "filzfrei", "actifresh", "durafresh", "eulanisiert", "pflegeleicht", "Sanfor-Set", und "Easy-Wash". Achten Sie darauf, daß Unterwäsche und Socken mindestens bei 60°C waschbar sind, denn dadurch wird eine antimikrobielle Ausrüstung dieser Kleidungsstücke überflüssig.

Wenn Sie farbige Kleidung erwerben, achten Sie darauf, daß diese farbecht ist. Bekleidungstextilien, die mit dem Hinweis versehen sind "blutet aus" oder "getrennt waschen", sind nicht zu empfehlen. Farbstoffe gehören in die Faser und nicht auf Ihre Haut oder ins Waschwasser. Diese Hinweise sollten Sie besonders beim Kauf von Kinderkleidung beachten. Denn die Haut von kleinen Kindern ist für Farbstoffe und Chemikalien durchlässiger als die Haut des Erwachsenen. Zudem orientieren sich die gesetzlich zulässigen Konzentrationen von chemischen Rückständen in Kleidung an einem "Norm-Menschen" der 70 kg wiegt, und sind damit für Kinder deutlich zu hoch angesetzt.

In jedem Fall sollten Sie auf den Erwerb von Kleidung, die "chemisch" oder auffällig gut riecht, verzichten. Denn es ist damit zu rechnen, daß Konservierungsstoffe oder Duftstoffe eingesetzt wurden, die Allergien auslösen können.

Wäschepflege

Kaufen Sie möglichst Textilien, die Sie waschen können und nicht chemisch reinigen lassen müssen. Chemisch gereinigte Textilien sollten Sie vor dem Tragen mindestens einen Tag auslüften lassen, denn das bei der chemischen Reinigung eingesetzte Perchlorethylen, kurz PER genannt, kann Haut und Schleimhäute reizen, das Nervensystem schädigen und steht sogar im Verdacht, krebserregend zu sein.

Waschmittel

Verwenden Sie möglichst oft Bunt- oder Feinwaschmittel, denn diese enthalten im Gegensatz zu Vollwaschmitteln keine optischen Aufheller und Bleichmittel, die Allergien auslösen können und die Umwelt belasten. Zudem werden Vollwaschmittel oft auf der Basis sogenannter anionischer Tenside hergestellt, die genau wie die Duftstoffe ebenfalls zu allergischen Reaktionen führen können. Sogenannte "Baukastenwaschmittel" sind relativ umweltschonend und deshalb vorzuziehen. Waschmittel sollten insgesamt möglichst sparsam verwendet werden und zwar nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes, sondern weil sich überschüssige Waschmittel im Textil ablagern und im direkten Hautkontakt ihre allergisierende Wirkung voll entfalten können.

Bügeln

Neu erworbene Kleidung sollten Sie nicht bügeln und vor dem ersten Tragen mindestens einmal so heiß wie möglich waschen, um den Formaldehydgehalt im Stoff zu senken (wodurch natürlich das Abwasser belastet wird). Es empfiehlt sich, möglichst bei offenem Fenster zu bügeln, da durch die hohen Temperaturen Formaldehyd freigesetzt werden kann, wodurch es zu Schleimhautreizungen im Bereich von Augen, Nase und Rachen kommen kann. Formaldehyd steht zudem im Verdacht, krebserregend zu sein.

Autor:

Dr. Bolz
Hauptstr. 62
45549 Sprockhövel
www.praxis-bolz.de