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Blutegel – in der medizinischen Anwendung

Der medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) gehört zu den Ringelwürmern; er ist eng verwandt mit dem Regenwurm. Der Hirudo medicinalis kam bis Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa, Nordafrika und Südwestasien vor. Durch die medizinische Nutzung und die Umweltverschmutzung war er in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Da er heute unter Artenschutz steht, haben sich die Bestände in Deutschland leicht erholt.

In freier Natur werden die Egel maximal 12 – 15 cm lang und 1 – 2 cm breit. Der Blutegel lebt in sauberem, kalkarmem Süßwasser, z. B. in Teichen, Bächen, Flüssen, aber auch in Gräben und Wasserleitungen. Als Nahrung dient ausschließlich Blut. Junge Blutegel ernähren sich vorwiegend vom Blut wechselwarmer Tiere wie Fische, Kaulquappen, Kröten, Frösche oder auch Insektenlarven. Die Aufnahme von Blut eines Warmblüters aber steigert ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Deshalb ist es wichtig. Dass Vögel oder Säugetiere für den Blutegel erreichbar sind. Wenn es darauf ankommt, kann ein Blutegel aber auch sehr lange ohne Nahrung leben – in Gefangenschaft bis zu 24 Monate.

Die Bauchfläche des Egels ist grün-gelb, der Rücken in dunkelolivgrünen Tönen gemustert. Der Körper ist wie bei einem Regenwurm sehr wandlungsfähig: der Blutegel kann sich lang und dünn strecken oder kurz und dick machen. An seinem Vorder- und Hinterende befindet sich je ein Saugnapf, mit dem er sich an seinem Wirt festhalten kann. Im vorderen Saugnapf befindet sich die Mundöffnung. Sie besteht aus drei strahlenförmig angeordneten Kiefern, die 60 – 100 feine Kalkzähnchen enthalten.

Bei seinen Mahlzeiten erfährt der Egel ein enormes Größenwachstum, das Blut wird im Körper gespeichert. Pro Mahlzeit saugt ein Egel 3 – 6 Milliliter Blut, durch das Nachbluten verliert sein „Opfer“ weitere 20 – 30 Milliliter. Nachdem der Egel gesättigt ist, lässt er von alleine wieder los.

Während des Saugens gibt der Blutegel eine Flüssigkeit in die Wunde ab, die rund 15 verschiedene körpereigene Substanzen enthält, die insgesamt zur Heilung des erkrankten Bereichs beitragen. Beispielsweise sorgt ein Histamin-ähnlicher Wirkstoff für die Erweiterung der Blutgefäße; dadurch wird die Blutfülle rund um die Bissstelle erhöht. Außerdem wird ein Wirkstoff namens Hirudin abgegeben, der die Blutgerinnung hemmt. Andere Substanzen haben entzündungshemmende Eigenschaften.

„Vampirismus“ in Europa

Blutegel wurden bereits vor dreitausendfünfhundert Jahren therapeutisch eingesetzt und gehörten in vielen Ländern der Erde über Jahrhunderte zu den wichtigsten Heilmethoden. Im 19. Jahrhundert explodierte die medizinische Anwendung von Blutegeln förmlich. Jahrzehntelang war das Blutentziehungsverfahren bei verschiedensten Erkrankungen das Mittel der Wahl und gehörte zu den gängigsten Behandlungsmethoden einer Arztpraxis.

Um 1820 war das Blutegelgeschäft der wichtigste Wirtschaftszweig der westeuropäischen Medizin. Ein Beispiel: um 1850 betrug die Blutegeleinfuhr nach Frankreich pro Jahr rund 100 Millionen Tiere! In Deutschland wurden noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts rund 25 Millionen Tiere verwendet. Damals wurden allerdings auch pro Anwendung bis zu 80 Tiere eingesetzt. Kein Wunder, dass diese Phase der europäischen Medizingeschichte in der Literatur als „Vampirismus“ bezeichnet wird.

Die Begeisterung für die heilenden Tierchen war so groß, dass sie sich sogar in der Mode widerspiegelte: es gab Stoffe und Damenbekleidung mit Blutegelmustern!

Mit dem Aufkommen neuer medizinischer Strömungen wie der Organpathologie und der Bakteriologie geriet die Blutegelbehandlung wegen ihrer fehlenden Keimfreiheit in Verruf. Die Furcht vor Wundinfektionen machte Ärzte und Patienten misstrauisch.

Dennoch gehörte die Blutegelbehandlung in Deutschland weiter zur Volksmedizin und wurde auch weiterhin erforscht. 1903 gelang es, das Hirudin des Blutegels zu isolieren, 1939 wurde das Histamin im Blutegelsekret entdeckt. 1935 erschien in Deutschland ein wichtiges Fachbuch zur Blutegelbehandlung. Um 1940 wurden bereits wieder rund 2 Millionen Egel in Deutschland verkauft. Doch nach dem Krieg verschwanden die Blutegel ganz aus dem Blickfeld der Schulmedizin. Die vielversprechenden synthetischen Wirkstoffe der pharmazeutischen Industrie, die ja zum Teil der Natur abgeschaut sind, eroberten den Markt.

In einer Zeit, da sich viele Mediziner und Patienten wieder auf sanfte, nebenwirkungsfreie Naturheilverfahren besinnen, kommen die kleinen Sauger erneut ins Gespräch. Zurzeit erlebt die Blutegeltherapie in Deutschland eine Renaissance. Renommierte humanmedizinische Kliniken und Ärzte in Deutschland wenden sie beispielsweise bei Rheumaerkrankungen, Gefäßerkrankungen, Migräne, Arthrose, verschiedenen Entzündungen, Rückenproblemen und anderem mehr an. Es werden pro Jahr in Deutschland wieder rund 300 000 Blutegel „verbraucht“.

Die Blutegeltherapie gehört im medizinischen Sinne zu den Blutentziehungsverfahren. Darunter fällt auch der Aderlass – er ist das Blutentziehungsverfahren mit dem größten Blutverlust. Demgegenüber ist eine Blutegelbehandlung für den Körper weitaus schonender, aber nicht minder wirksam. Im Gegenteil: dem zusätzlichen Absondern eines besonderen Sekrets kommt eine wichtige Bedeutung im Heilungsverfahren zu. Im Gegensatz zum früheren „Vampirismus“ werden heute pro Behandlung nur wenige Egel angewendet. Meist stellt sich nach zwei- bis dreimaliger Anwendung bereits der gewünschte Effekt ein, häufig mit durchschlagendem Erfolg, sogar bei chronischen oder austherapierten Fällen. Lokal wirkt die Blutegelbehandlung blutgerinnungshemmend, lymphstrombeschleunigend, abwehrsteigernd und gefäßkrampflösend. Die allgemeinen Wirkungen auf das Körpersystem werden als entlastend, entzündungshemmend, krampflösend, beruhigend, aufsaugend und abwehrstärkend beschrieben.

Das Einsatzgebiet von „Dr. med. Blutegel“ ist sehr vielfältig. Hocheffektiv ist die Therapie bei venösen Erkrankungen (Varikosis, Besenreiser, Venen-entzündungen) aber auch bei Arthroseschmerzen und Wirbelsäulenschmerzen. Jedoch: nicht jedem Patienten hilft die Blutegeltherapie und wie bei allen medizinischen Methoden gibt es Krankheitsfälle, in denen keine Besserung eintritt. Hier kommt es auf einen Versuch an.

Nicht angewendet werden dürfen Blutegel bei Patienten mit angeborenen Blutgerinnungsstörungen bzw. Menschen, die blutverdünnende Medikamente (wie z. B. Marcumar) nehmen. Ein weiterer Ausschlussgrund ist eine Immunsuppression (starke Abwehrschwäche) wie bei HIV-Infizierten oder schwer Krebskranken. Bei diesen Patienten besteht eine hohe Infektanfälligkeit. Blutegel sollten auch nicht auf schlecht durchblutete oder krankhaft veränderte Haut gesetzt werden.

Am besten lässt man die Blutegel selbst suchen, da sie instinktiv die optimalen Bissstellen suchen. Die Blutegel saugen etwa 45 Minuten bis zu eineinhalb Stunden und fallen dann von alleine ab.

Die Blutegel sind sensible Tierchen. Sie vertragen keine aufgeregte Atmosphäre, sind wetter- und transportempfindlich und vertragen keinen Temperaturwechsel.

Wichtig zu wissen ist auch: nach fast jeder Behandlung mit Blutegeln tritt binnen einiger Stunden eine lokale Reaktion auf; Rötung um die Bissstellen, leichte Schwellung und Juckreiz wie bei einem Mückenstich sind typisch. Auch Reaktionen des Kreislaufs sind vielfach feststellbar, allerdings nicht infolge des – geringen – Blutverlustes, sondern aufgrund der Wirkung der Substanzen im Blutegelsekret. In seltenen Einzelfällen kann es zu Wundinfektionen im lokalen Bereich der Bissstelle kommen.

Wichtig bei der Behandlung ist: Blutegel dürfen nur einmal zum Blutsaugen verwendet werden, um die Gefahr von Krankheitsübertragungen zu vermeiden.

Die Blutegel werden in Deutschland von Zuchtfarmen selbst erzeugt aber auch aus Ländern wie der Türkei importiert, denn die eigenen Zuchtprodukte reichen nicht aus. Die Zuchtfarmen verschicken die Tiere per Express, der Therapeut kann sie bis zur Behandlung in einem Wasserbehälter aufbewahren.

Die Blutegel dürfen, um Krankheitsübertragungen zu vermeiden, nach einer Behandlung nicht nochmals eingesetzt werden, allenfalls beim gleichen Patienten. Doch erst nach Monaten sind sie wieder hungrig. Daher hat der Therapeut in der Regel zwei Möglichkeiten: die Tiere werden mit Spiritus abgetötet oder sie werden zurück an die Zuchtfarmen geschickt, die einen so genannten „Rentnerteich“ anbietet. Dort können sie Tiere gegen einige Euro Gebühr ihren Lebensabend genießen. In heimische Gewässer dürfen sie auf keinen Fall ausgesetzt werden; zum einen wäre ihr Überleben ohnehin ungewiss, zum anderen würde durch die Import- und Zuchtegel fremdes Genmaterial in die heimische Natur gebracht werden, und dies ist per Gesetz verboten.

Autor:

Dr. Bolz
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www.praxis-bolz.de